SKOS (Simple Knowledge Organization System) ist eine W3C-Recommendation von 2009 zur Repräsentation von Thesauri, Klassifikationen, Schlagwortlisten und Taxonomien in RDF. Sein Versprechen: Bestehende Vokabulare ohne grossen Aufwand ins Semantic Web bringen — und zwar so, dass Maschinen Begriffe verknüpfen, abgleichen und durchsuchen können, ohne dass man eine vollständige OWL-Ontologie modellieren muss.
SKOS ist heute der gemeinsame Nenner praktisch aller grossen kontrollierten Vokabulare: Getty AAT, Library of Congress Subject Headings (LCSH), AGROVOC, EuroVoc, UNESCO-Thesaurus, GND-Sachgruppen — alle werden als SKOS publiziert.
Drei Kernklassen
| Klasse | Bedeutung |
|---|---|
skos:ConceptScheme | das Vokabular als Ganzes (z. B. “AAT”) |
skos:Concept | ein einzelner Begriff im Vokabular |
skos:Collection / skos:OrderedCollection | Untergruppen von Concepts (z. B. Facetten) |
Ein Concept ist ein Begriff, nicht eine Klasse im OWL-Sinn. Die Unterscheidung ist bewusst: SKOS will nicht modellieren, was etwas ist, sondern wie Menschen es nennen und wie es zu anderen Begriffen in Beziehung steht.
Labels — drei Stärkegrade
:erschliessung a skos:Concept ;
skos:prefLabel "Erschliessung"@de ;
skos:prefLabel "Description"@en ;
skos:altLabel "Verzeichnung"@de ;
skos:altLabel "Erfassung"@de ;
skos:hiddenLabel "Erschliessung"@de-CH-1901 .
skos:prefLabel— die bevorzugte Bezeichnung. Pro Sprache nur eine. Diese Regel ist die wichtigste Integritätsbedingung in SKOS.skos:altLabel— Synonyme, alternative Schreibweisen.skos:hiddenLabel— für die Volltextsuche, nicht zur Anzeige (Tippfehler-Varianten, veraltete Schreibungen).
Hierarchische und assoziative Beziehungen
:archivwesen a skos:Concept ;
skos:prefLabel "Archivwesen"@de ;
skos:topConceptOf :scheme ;
skos:narrower :erschliessung , :erhaltung .
:erschliessung skos:broader :archivwesen ;
skos:related :findhilfsmittel .
skos:broader/skos:narrower— Hierarchie (Ober- und Unterbegriff). Sind zueinander invers; in der Praxis meist nur eine Richtung gepflegt und die andere via Reasoning erzeugt.skos:related— assoziative Beziehung, nicht-hierarchisch.skos:topConceptOf/skos:hasTopConcept— Einstiegspunkte des Vokabulars.
Die hierarchischen Beziehungen in SKOS sind nicht transitiv (skos:broader ist keine Subklassen-Hierarchie). Wer transitive Vererbung will, nutzt skos:broaderTransitive / skos:narrowerTransitive.
Mappings zwischen Vokabularen
Das eigentliche Power-Feature von SKOS — Begriffe aus unterschiedlichen Vokabularen ineinander überführen:
| Property | Bedeutung |
|---|---|
skos:exactMatch | bedeutungsidentisch |
skos:closeMatch | weitgehend deckungsgleich, aber nicht identisch |
skos:broadMatch / skos:narrowMatch | Match auf hierarchisch breiteren / engeren Begriff |
skos:relatedMatch | thematisch verwandt |
Beispiel: Der GND-Begriff für “Archiv” könnte via skos:exactMatch auf den entsprechenden AAT- oder Wikidata-Eintrag verweisen. Beim Linked-Data-Aufbau in der GLAM-Welt sind diese Cross-Vocabulary-Mappings das, was Daten überhaupt erst zusammenführbar macht.
Dokumentations-Properties
:erschliessung
skos:definition "Tätigkeit der formalen und inhaltlichen Beschreibung von Archivgut"@de ;
skos:scopeNote "Umfasst sowohl die archivische Verzeichnung als auch die Indexierung."@de ;
skos:example "Erschliessung nach ISAD(G), EAD, RiC."@de ;
skos:historyNote "Bis 2010 als 'Verzeichnung' geführt."@de ;
skos:editorialNote "TODO: Verhältnis zu Indexierung präzisieren."@de .
skos:editorialNote und skos:changeNote sind interne Pflege-Anmerkungen — werden in Endnutzer-Anzeigen typisch unterdrückt.
Notation — der Klassifikations-Code
:erschliessung skos:notation "025.4"^^<http://www.example.org/ddc> .
Für Klassifikationen wie Dewey oder UDC: Der Notations-Code ist kein Label (hat keine Sprache), sondern eine eigene Property mit Datatype.
Vollständiges Mini-Beispiel
@prefix skos: <http://www.w3.org/2004/02/skos/core#> .
@prefix dct: <http://purl.org/dc/terms/> .
@prefix : <http://example.org/thes/> .
:scheme a skos:ConceptScheme ;
dct:title "Beispielthesaurus Archivwesen"@de ;
dct:creator "Kränzle & Ritter GmbH" ;
dct:issued "2026-05-10"^^<http://www.w3.org/2001/XMLSchema#date> ;
skos:hasTopConcept :archivwesen .
:archivwesen a skos:Concept ;
skos:topConceptOf :scheme ;
skos:prefLabel "Archivwesen"@de , "Archival science"@en ;
skos:narrower :erschliessung , :erhaltung .
:erschliessung a skos:Concept ;
skos:inScheme :scheme ;
skos:prefLabel "Erschliessung"@de ;
skos:altLabel "Verzeichnung"@de ;
skos:broader :archivwesen ;
skos:related :findhilfsmittel ;
skos:definition "Formale und inhaltliche Beschreibung von Archivgut."@de ;
skos:exactMatch <http://d-nb.info/gnd/4143380-9> .
:erhaltung a skos:Concept ;
skos:inScheme :scheme ;
skos:prefLabel "Erhaltung"@de ;
skos:broader :archivwesen .
SKOS-XL — wenn Labels selbst Daten brauchen
Standardisierte Variante für den Fall, dass ein Label selbst Metadaten tragen soll (Quelle, Gültigkeitszeitraum, Status). Statt skos:prefLabel "Erschliessung"@de schreibt man dann:
:erschliessung skosxl:prefLabel :label-1 .
:label-1 a skosxl:Label ;
skosxl:literalForm "Erschliessung"@de ;
dct:source "Terminologie der Archive Schweiz, 2024" .
Praxis-Tipp: SKOS-XL nur einsetzen, wenn der Mehraufwand wirklich nötig ist — die Komplexität schreckt viele Werkzeuge ab.
Verhältnis zu OWL und ISO 25964
- OWL — SKOS ist bewusst leichtgewichtiger. Ein
skos:Conceptist keinowl:Class. Wer formale Klassifikationsschlüsse braucht, nutzt OWL; wer einen Thesaurus pflegt, nutzt SKOS. Beides lässt sich kombinieren. - ISO 25964 (Thesauri-Standard) — deckt sich grösstenteils mit SKOS. ISO 25964 hat zusätzlich
ThesaurusArrayund differenziertere Beziehungstypen; ein Mapping ISO 25964 ↔ SKOS ist publiziert.
Werkzeuge
- Skosmos — Open-Source-Browse-Frontend für SKOS-Vokabulare. Wird u. a. vom Finto-Service (FI), AGROVOC und UNESCO Thesaurus eingesetzt.
- VocBench 3 — webbasierte Editor-Plattform für SKOS und OWL.
- Skosify — Python-Tool, das aus losen RDF-Daten valides SKOS macht und die häufigsten Integritätsregeln prüft.
- Apache Jena — generische RDF-Verarbeitung; hat keine SKOS-Spezialisierung, reicht aber für Validierung und SPARQL-Abfragen.
- Protégé mit SKOS-Plugin — wenn man ohnehin in der OWL-Welt arbeitet.
SKOS in der Praxis
- Getty AAT als SKOS via
vocab.getty.edu— der grosse Kunst- und Architektur-Thesaurus - LCSH (Library of Congress Subject Headings) via
id.loc.govals SKOS - AGROVOC der FAO — multilingualer Agrar-Thesaurus, oft als Beispiel für Mehrsprachigkeit zitiert
- EuroVoc — Vokabular der EU-Institutionen
- UNESCO-Thesaurus
- GND — partielle Auslieferung als SKOS-konformes RDF
Verhältnis zu anderen Standards
- Dublin Core —
dct:subjectnimmt typisch eine SKOS-URI auf. Beide Standards sind orthogonal: Dublin Core beschreibt eine Ressource, SKOS das Vokabular der Werte. - MARC21 — Subject-Felder können auf SKOS-URIs referenzieren, viele Bibliotheken liefern Subject-Heading-Vokabulare als SKOS aus.
- CIDOC-CRM — kombiniert sich gut mit SKOS für Klassifikationen via
crm:E55_Type. - TEI —
<taxonomy>und<category>können auf SKOS-Vokabulare verweisen. - OAI-PMH — als Liefermechanismus für SKOS-Schemas brauchbar (mit
skos:ConceptSchemeals Container).
Häufige Fallen
- Mehrere
prefLabelpro Sprache — bricht die SKOS-Integritätsregel und führt zu unzuverlässigen Auswertungen. Skosify findet das. - Hierarchie-Zyklen —
:a skos:broader :b ; :b skos:broader :aist syntaktisch erlaubt, aber semantisch defekt. skos:broaderohneskos:inScheme— Concepts ohne explizite Schema-Zugehörigkeit werden in vielen Tools nicht angezeigt.- Sprache vergessen —
skos:prefLabel "Erschliessung"ohne Sprach-Tag ist syntaktisch erlaubt, aber für ein mehrsprachiges Vokabular ein Schuss ins Knie.