RiC (Records in Contexts) ist die neue, integrative Norm der EGAD (Expert Group on Archival Description) des Internationalen Archivrats (ICA). Sie wurde nach mehrjährigen Konsultationen 2023 in Version 1.0 publiziert und tritt an die Stelle der vier bisherigen Standards ISAD(G), ISAAR(CPF), ISDIAH und ISDF (Funktionen).

Im Unterschied zu den älteren Standards, die eine strenge Hierarchie (Bestand → Klasse → Serie → Dossier → Stück) und getrennte Datensätze für Aktenbildner, Institutionen und Funktionen vorsahen, beschreibt RiC das Archivgut als vernetzten Graph: Datensätze, Aktenbildner, Aktivitäten und Kontexte sind eigenständige Entitäten, zwischen denen beliebig viele Beziehungen bestehen können — auch mehrere parallele Hierarchien.

Zwei Teile: CM und O

RiC besteht aus zwei abgestimmten Komponenten:

  • RiC-CM (Conceptual Model) — die abstrakte, sprachlich beschriebene Norm. Definiert Entitäten, Properties und Relationen.
  • RiC-O (Ontology) — die formale, in OWL/RDF implementierte Umsetzung des CM. Macht RiC-Daten als Linked Data publizierbar und in Semantic-Web-Anwendungen nutzbar.

Beide erschienen Ende 2023 in Version 1.0; RiC-O liegt seit Mai 2025 in der abwärtskompatiblen Version 1.1 vor. Eine praktische Anleitung — die Application Guidelines (RiC-AG) — wurde im Oktober 2025 als Entwurf (v0.1) veröffentlicht. Ein eigentlicher Inhaltsstandard mit Erschliessungsregeln für den Alltag fehlt bislang.

Kern-Entitäten

RiC-CM 1.0 definiert 24 Entitäten. Die wichtigsten sieben:

EntitätBedeutung
Recordindividueller Datensatz / Stück
Record SetGruppe von Records (Bestand, Serie, Dossier — keine fixe Hierarchiestufe mehr)
Record ResourceOberklasse für Record und Record Set
Agenthandelnde Entität (Person, Familie, Körperschaft, Mechanismus)
ActivityTätigkeit / Aktivität, in deren Rahmen Records entstanden sind
Mandaterechtliche oder organisatorische Vorgabe
Concept / Thing / Eventsachliche / temporale Bezugspunkte

Daneben Hilfs-Klassen wie Place, Date, Documentary Form Type, Carrier Type, Language.

Beispiele für Relationen

Statt eine Hierarchie aufzuzwingen, definiert RiC ~80 typisierte Relationen — z. B.:

  • hasOrHadCreator — Record hat / hatte Aktenbildner
  • isOrWasIncludedIn — Record (Set) ist / war Teil von Record Set
  • documents — Record dokumentiert eine Aktivität
  • thematicallyRelatedTo — thematische Beziehung
  • derivedFromOrSimilarTo — Record wurde aus anderem abgeleitet
  • isOrWasSubjectOf — Person/Sache ist Gegenstand des Records

Eine archivische Beschreibung wird damit zum Graph statt zum Baum.

Beispiel als RDF / Turtle

@prefix rico:   <https://www.ica.org/standards/RiC/ontology#> .
@prefix xsd:    <http://www.w3.org/2001/XMLSchema#> .

<rec/123>  a rico:Record ;
           rico:hasIdentifier "LI-AAV, U 19" ;
           rico:hasOrHadTitle "Bündnisurkunde 1545" ;
           rico:hasOrHadCreator <agent/57> ;
           rico:isOrWasIncludedIn <set/Familienarchiv-X> ;
           rico:documents <activity/Bundesschluss-1545> .

<agent/57> a rico:CorporateBody ;
           rico:hasOrHadName "Stadt Vaduz" ;
           rico:existsOrExistedIn <date/1342-2024> .

<activity/Bundesschluss-1545>
           a rico:Activity ;
           rico:hasOrHadDate "1545-10-24"^^xsd:date ;
           rico:tookPlaceAt <place/Vaduz> .

Verhältnis zu ISAD(G)/ISAAR/ISDIAH

Alter StandardBei RiC
ISAD(G) Verzeichnungsstufenflache Record-Set-Beziehungen mit isOrWasIncludedIn
ISAAR(CPF) AktenbildnerEntität Agent mit Spezialisierungen (Person, Family, CorporateBody)
ISDIAH InstitutionenSpezialfall von Agent mit hasOrHadHolder-Beziehung zu Records
ISDF FunktionenEntität Activity

Die alten Standards sind weiterhin gültig und verbreitet; RiC bietet einen Migrationspfad und kann sie kombiniert ablösen.

Verhältnis zu CIDOC CRM

RiC und CIDOC CRM teilen die ereignis-/aktivitäts­zentrierte Modellierung. CRM ist allgemeiner (gesamtes Kulturerbe), RiC ist spezialisiert auf Archive. Es gibt aktive Mapping-Bemühungen zwischen den beiden Modellen, sodass RiC-Beschreibungen in eine CRM-Welt importiert werden können.

EAD und RiC

EAD bleibt der etablierte XML-Container für Findmittel; RiC ergänzt ihn auf der Modellebene. EAD3-Daten lassen sich auf RiC-O mappen und so als Linked Data publizieren — viele Archive werden voraussichtlich noch jahrelang mit EAD-Findmitteln arbeiten und parallel RiC-Beschreibungen exportieren.

Werkzeuge

  • RiC-O Converter — wandelt EAD3-XML in RiC-O-RDF um (Open Source).
  • AtoM und andere archivische Verwaltungssoftware experimentieren mit RiC-Export.
  • piffl / Linked.Art — verwandte Linked-Data-Initiativen mit teils überlappenden Konzepten.

Praktische Erfahrung mit produktiven RiC-Implementationen ist 2026 noch begrenzt — viele Schweizer Archive haben das Modell evaluiert, aber wenige nutzen es im Tagesgeschäft. Unser Archivinformationssystem Anton verzeichnet hierarchisch nach ISAD(G), kennt daneben aber auch Actors (≈ RiC-Agents), Places und Events als eigene Entitäten — das Datenmodell überschneidet sich strukturell stark mit Teilen von RiC.

Inzwischen exportiert Anton seine Daten als RDF, wahlweise in drei Profilen: mit CIDOC CRM als Leitmodell und selektiver RiC-O-Annotation, als reines RiC-O 1.1, oder im Memobase-Profil (JSON-LD nach Memobase-Konvention). Wir bilden dabei bewusst die Grundideen von RiC ab — Erschliessung als Graph, Trennung von intellektuellem Inhalt und Manifestation, Publikation als Linked Data — verzichten aber auf den vollen Ontologie-Apparat von RiC-O (105 Klassen, mehrere hundert Properties). Das ist als RiC-O-Alignment zu verstehen, nicht als vollständige RiC-Konformität. Mehr dazu auf der Anton-Projektseite.